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Mauritius - Echter als ein Paradies

Ein Paradies, Mauritius? Ja, wenn man von den goldenen Stränden, smaragdgrünen Lagunen, tropischen Düften träumt, denn seine Naturschönheiten sind tatsächlich unerhört. Doch Mauritius besitzt vor allem eine erstaunliche kulturelle Vielfalt, Elemente aus Europa, Afrika, Indien und China, die eine von Kolonialismus und Sklaverei geprägte Geschichte weit draussen im Indischen Ozean zur Welt der Kreolen verwob.

Mauritius- Echter als ein Paradies

Samstagmorgen auf dem Markt von Port Louis, der Hauptstadt der Insel Mauritius. Es herrscht ein lärmiges Gedränge zwischen Gewürzständen, Früchte- und Gemüseauslagen. Runde Kürbisse sind zu unglaublichen Gebirgen aufgeschichtet, weiter weg leuchten rote Tomatenpyramiden. «Tomates? Ça pommes d’amour, ça. Combien ou lé? Li pas ser di tou, kamarad.» (Tomaten? Liebesäpfel das. Wiviewollsi? Is ganich teue, Kamarad). Gar nicht teuer, ja, aber uns lockt schon der Duft der andern Stände. Safran- und Kurkumadüfte vermischen sich mit jenen der Mangos, Papayas, der Longan- und Carambolefrüchte…

Bombay-Ambiance

Ganz unberührt von der herrschenden Geschäftigkeit, bieten Strassenverkäufer den Passanten ihr alouda an, ein indisches Getränk auf der Basis von aromatisierter Milch, dazu dholl purri, feine, mit Gemüse gefüllte Pfannkuchen. Eine kreolische Mutter hat ihre Einkaufstasche abgestellt und lässt sich mit ihrem von dem Betrieb ganz dusligen kleinen Jungen den Milchmix schmecken. Die Gesichter haben indische Züge, doch auf dem Weg durch die Marktalleen lassen ein paar asiatische Profile auf die Nähe des Chinesenviertels schliessen. Über die Royal Street, deren Name daran erinnert, dass die Insel von 1814 bis 1968 englisch war, spannt sich ein Pagodendach. An die Stelle der indischen Schriftzeichen treten Ideogramme, auf die bunten Stände folgen von Familienverbänden geführte Eisenwarenhandlungen und Basare. In den staubigen Holzschubladen einer alten Apotheke finden sich mysteriöse Arzneien: getrocknete Schlangen, in Honig eingelegte Wespen… Aus einer Ecke des Ladens beobachtet ein alter Chinese amüsiert die perplexen Westeuropäer.

Ein grosses Gebäude im Kolonialstil sticht aus diesem Mini-Hong-Kong heraus.

Maurische Motive schmücken die weisse Fassade: das ist die Jummah-Moschee, die älteste Moschee der Insel. Wir strecken den Kopf durch die Tür, man winkt uns herein und wir betreten den Hof. Abgelegte Schuhe vor dem Gebetssaal, ein Säulengang ringsum, der Ruf des Muezzins, die eintreffenden Gläubigen und ihren Djellabas, jeder mit seinem Koran in der Hand. Die Muslime der Insel stammen ausschliesslich aus den indischen Bundesstaaten Bihar, Gujarat und Bengalen. Wir gehen weiter und endlich erscheint die Reede von Saint Louis. Davor das Caudan Waterfront. Dieses moderne Einkaufszentrum ist der Stolz der Mauritier, die hier ihren Schaufensterbummel machen wie die wohlhabenden Touristen. Architektonisch erinnert das leicht kitschige, keimfreie Dekor an ein tropisches Disneyland, womit sich die Spuren definitv verwischen. Wo sind wir? Was ist Port Louis, was ist das für ein Land? Sicher ist: Mauritius wird in Mehrzahl konjugiert. Der «Stern und Schlüssel des Indischen Ozeans», wie es sich selber nennt, ist ein Land der Schwarzen, der Inder, der Chinesen und der Weissen. Es ist hinduistisch, katholisch und muslimisch. Arm und reich.

Vincent Noyoux lebt in Frankreich als Reisebuchautor und Journalist und hat diesen Text für das Reisemagazin Animan verfasst.