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Auf Chopins Spuren durch Mallorca

Auf Chopins Spuren durch Mallorca

Wenn sich das Flugzeug dem modernen Flughafen von Son San Joan nähert, zeigt sich die Insel vom Himmel aus in ihrer ganzen Grösse. Die Erde, ocker- und kupferfarben mit grünen Flecken, taucht aus einem Meer makellosen Blaus auf. Die Gleichförmigkeit des Wassers wird kaum gestört von den Spuren einiger Schiffe, die vom Festland her zur Insel übersetzen. Vom Fenster des Flugzeugs aus erkennt der Reisende deutlich die Sierra de la Tramuntana, welche sich vom Norden der Insel in den Süden erstreckt, und die unzähligen entlegenen Calanquen, die einen ihrer wesentlichen Reize ausmachen.

Unser Reisender schliesst sein Buch, das er soeben gelesen hat, und bereitet sich auf die Landung vor.

Das Buch ist ein Klassiker der Reiseliteratur, «Winter auf Mallorca» der französischen Autorin George Sand, erschienen in Paris im Jahre 1855. Es führt uns 168 Jahre in die Vergangenheit zurück, als ein sehr aussergewöhnliches Liebespaar im Hafen von Palma ein Schiff verliess, welches aus der katalanischen Hauptstadt kam und üblicherweise Schweine transportierte. Es handelte sich um zwei Persönlichkeiten, die jede auf ihre Weise tiefe Spuren in der Kulturgeschichte hinterlassen sollten: Er war Frédéric Chopin, der Komponist und Pianist polnischer Herkunft, sie George Sand, die französische Schriftstellerin.

Von Palma aus begab sich das Liebespaar auf eine beschwerliche, fast eintägige Reise zu einem kleinen Ort namens Valldemossa in den nördlichen Hügeln von Mallorca. Ihr schliessliches Ziel war das Kartäuserkloster des Dorfes, erbaut im Jahre 1399, in dem sie, wie der Titel des Buches besagt, den Winter zu verbringen gedachten. Wenn der Reisende heute in diesem Gebäude und seinem wunderbaren Garten im Innern spazieren geht, fällt es ihm nicht schwer, sich das Echo des Pianofortes des polnischen Meisters vorzustellen. In einer bescheidenen Zelle des Klosters kann der Besucher dann das Klavier sehen, auf dem Chopin begann, eines seiner letzten Werke zu komponieren: die weltbekannten «Präludien». Ausserdem entdeckt er dort die Manuskripte von Sand sowie die Originalpartituren des grossen Musikers.

Die Legende besagt, dass Chopin eines Tages ausgerufen haben soll: «Valldemossa ist der schönste Ort auf Erden!»

Diese Aussage war vielleicht geboren aus seinen letzten Momenten des Glücks. Denn der Künstler war bereits an Tuberkulose erkrankt, an der er später sterben sollte. Doch ist es unbestritten, dass die Heiterkeit und Ruhe dieses Städtchens, welches ein paar hundert Einwohnern beherbergt und vom imposanten Glockenturm des Klosters dominiert wird, auch heute noch faszinieren.

Seit der Durchreise von Chopin und George Sand übt Mallorca eine unglaubliche Anziehungskraft aus. Auch dank des Erscheinens von «Winter auf Mallorca» kamen bereits im 19. Jahrhundert zahlreiche Besucher auf dieses Fleckchen Erde, um Erholung und Inspiration zu suchen. Bis zum heutigen Tag verführt Palma Künstler, Intellektuelle und Berühmtheiten. Zu erwähnen sind etwa der verschollene grosse britische Schriftsteller Robert Graves, Autor von «I, Claudius», das deutsche Topmodel Claudia Schiffer, das Schauspielerehepaar Michael Douglas und Catherine Zeta-Jones, der Tennisstar Boris Becker, der Mäzen Ben Jakober oder auch der grosse mexikanische Schriftsteller Carlos Fuentes.

Aber kommen wir nun zurück zu unserem Reisenden. Es kann sein, dass er sich in das kleine Dorf Soller begibt und den historischen Zug besteigt, welcher – Erbe aus dem Anfang des letzten Jahrhunderts – aus Holz gebaut wurde, um nach Palma zurückzugelangen. Eine andere Möglichkeit wäre für ihn, vom Hafen in Deià aus die Calanquen, welche die Küste bis zur wundervollen mittelalterlichen Stadt Alcúdia auszeichnen, zu durchreisen. Oder er könnte den Nachmittag in den Häfen von Pollença oder Andratx verbringen, wo noch immer die Heiterkeit und der Friede alter Zeiten herrschten, bevor er die Rückreise nach Palma antritt, um dort das Nachtleben und die zahlreichen Restaurants der Stadt zu erkunden. Einmal in Palma angekommen, wird der Reisende zweifelsohne in die Labyrinthe von «La Lonja», die den alten Teil der Hauptstadt bilden, eintauchen.

In kleinen Gassen erwartet ihn auf jedem Schritt eine Überraschung, und es locken ihn zahlreiche Restaurants, die bis spät in die Nacht jede Art von Küche anbieten.

Zahlreiche Bars und Cafés wie das «Café Cappuccino» am Fusse der Stadtmauern oder die legendäre Cocktailbar im spektakulären, barocken Palast «El Abaco» bieten Nachtschwärmern, was das Herz begehrt. Und der Klang von Jazz und brasilianischer Musik spielt Begleitung zu einer Stadt, die niemals schläft. Die Vielfalt der Insel ist unglaublich. Während unser Reisender bei Sonnenuntergang im «Puro Beach», an der Cala Estancia, ein Glas Weisswein aus der Region trinkt, kann er höchstwahrscheinlich gut verstehen, weshalb Chopin die schönsten und produktivsten Augenblicke seines Lebens auf dieser Insel verbrachte.

Rodrigo Carrizo Couto ist spanischer Journalist und Fotograf. Seit 2003 arbeitet er in der Schweiz als Korrespondent der namhaften Tageszeitung «El País».