kreta

Was tun, wenn die kalten, nassen Wochen nicht enden wollen?

Wenn die Schneeglöckchen verblüht sind und die Veilchen frieren, weil auch der März sich noch zum Winter zählt?

Was tun, wenn die kalten, nassen Wochen nicht enden wollen?

Machen wir dem Kalender doch einfach Beine. Dorthin, wo der Frühling auf uns wartet statt wir auf ihn: nach Kreta, zu Anemonen und Lilien, Dornginster und Hornmohn, Iris und Zistrosen, Orchideen und all den andern blühenden Frühlingsschönheiten, die bei uns auf der Roten Liste, dort aber zu Hunderten an Strassen und Feldwegen, auf Rainen und Feldern stehen.

Als Anreisedatum ist die Märzmitte zu empfehlen. Als wäre dem Himmel das Wasser ausgegangen, ziehen sich die Sonnenwochen, eine endloser als die andere, bis in den April hinein. Das Meer ist noch frisch, der Sand am Strand ist schon warm, und bereits nach wenigen Schritten in die Natur, am ersten blühenden wilden Mandelbusch, beginnt das kretische Blumenfest. Weisse Anemonen und blaue Iris feiern eine Wiesenorgie, gelbe Dornginsterbüsche sehen zu und duften aus Leibeskräften. Der Verstand hat Pause, Augen und Nase transportieren das Frühlingsglück geradewegs in die Seele. Kein Quadratfuss Erde, auf dem nicht irgendetwas grünt und blüht, keine fünf Minuten Weg, auf dem man nicht ein Sträusschen pflücken möchte. Weisse und violette Anemonen schauen uns aus ihren schwarzen, runden Staubblattknöpfen traulich an, roter als Mohn glänzt die Kronenanemone, als sei sie mit Japanlack lackiert. Die Zistrosenbüsche beginnen sich mit Blüten zu bedecken, zartester Krepp in Pink, die Knöpfe in Gelb. Dunkelblaue Schopfhyazinthen flirten mit gelbem Hahnenfuss, rote Wildgladiolen mit wilden Chrysanthemen, rosa Ackerwinden mit himmelblauen Ochsenzungen. Und steckt man die Nase in das frische Grün der Thymianbüsche, entdeckt man auch die Schüchternen: die rare Felsentulpe, den aparten Hermesfinger oder die kleinen, feinen Orchideen mit ihren fünfundzwanzig Arten. Kein Zweifel: Auf Kreta haben Goethes junge Frühlingsgötter beim Streuen kleiner Blumen und kleiner Blätter Sonderschichten eingelegt.

Text: Bernd Fritz, «Die Zeit»